Wir dürfen Geschichten erzählen?, hörte Margerite und machte sich bereit, ihre liebste Geschichte zu erzählen. Das es um Osterhasen gehen sollte, hörte sie nicht, sie stand mal wieder auf ihren viel zu langen Ohren, aber gut Margerite, dann erzähl du uns mal deine liebste Osterkatzengeschichte:
Tagebuch 04.04.26

Wisst ihr, nicht nur wir Kaninchen haben es manchmal besonders schwer bei der Vermittlung, sondern auch so manche Katze. Alle wollen sie immer die netten Jungspunde, dabei haben auch ältere und scheue Katzen das Recht auf ein liebendes Zuhause. Und ein Kater hat uns in den letzten Jahren besonders gezeigt, wie viel Liebe ein solches Tier zurückgeben kann.
Heute vor genau 8 Jahren kam Kater Jerry ins Tierheim, 12 Jahre alt, Wohnungshaltung gewöhnt, nie beim Tierarzt gewesen, nicht mal zur Kastration… Er kam nicht mit dem menschlichen Nachwuchs zurecht, war zu aggressiv und wurde abgegeben. Die Pflegerin, die ihn damals annahm, erinnert sich noch gut an ihre aller erste Begegnung: weil die Vorbesitzer Jerry nicht in die Box bekamen, lockten sie ihn mit Schinken, was im Übrigen gar nicht gesund für Katzen ist. Der Unkastrierte-Kater-Gestank vermischte sich mit dem Schinkengeruch, es muss wohl absolut widerlich gewesen sein und dann war er auch nur am Spucken und am Fauchen. Beide empfanden kaum Sympathie füreinander. Aber die Zeit verging und Jerry saß monatelang nur in seinem Zimmer hinter einem Vorhang, nur am Spucken und am Fauchen, die einzige Interessentin, die er je hatte, entschied sich für jemand anderes. Nach über einem Jahr Tierheimaufenthalt wendete sich das Blatt plötzlich. Ebendiese Tierpflegerin, die ihn zu Beginn angenommen hatte, war plötzlich gar nicht mehr so blöd, erst schleckte man Schleckerlis vom Finger, aber immer schön versteckt hinter dem Vorhang, dann kam man plötzlich zum Essen und war der erste, der morgens schreiend hinter der Tür saß, nur um dann fauchend wegzulaufen, wenn dann jemand mit dem Essen kam. Nur diese eine Tierpflegerin durfte an ihn ran. Auf sie wurde mittags gewartet, um zusammen die Mittagspause zu verbringen und sie durfte endlich seine Verfilzungen lösen, um welche er sich selbst nie kümmerte. Nach und nach durften auch auserwählte Ehrenamtliche und Pfleger etwas mehr an ihn heran, aber keiner war so wie sie. Immer wieder fragte er seine Lieblingstierpflegerin, warum er denn nicht mit ihr mitkommen könnte, aber sie war noch in der Ausbildung und konnte kein eigenes Tier halten. Doch irgendwann war es dann so weit, erst die abgeschlossene Ausbildung, dann die neue Wohnung und zum Schluss endlich das gemeinsame Leben. Nach fast 2,5 Jahren Tierheim hatte Jerry endlich das, was er immer wollte: ein liebendes Zuhause und die Geduld und das Verständnis, welches er verdiente. Er liebte seine neu gewonnenen Eltern über alles, und weichte ihnen nicht mehr von der Seite, nicht mal am Schluss als er in den Armen seiner Mama einschlief. Jerry war ein ganz besonderer Charakterkater und auch wenn die gemeinsame Zeit leider viel zu kurz war, wird er immer einen ganz besonderen Platz in den Herzen seiner Eltern haben. Jerry hat ihnen gezeigt, wie viel Liebe ein alter scheuer Kater geben kann, wenn er seine richtigen Menschen gefunden hat. Und genauso ein liebevolles und verständnisvolles Zuhause wünsche ich für mich und meinen Sohn Pusteblume. Aber an all die Katzenmenschen unter euch: bitte überseht nicht die unsichtbaren Katzen im Tierheim, welche hinter ihrem Vorhang lauern und auf den richtigen Menschen warten. Vielleicht bist du ja der Richtige. Vielleicht wartet dein Jerry irgendwo auf dich.
Eure Schlappohr-Margerite


